(See English Version "I Becoming Swiss) below. "
Liebes Tantchen,
danke für Deinen letzten Brief.
Ja, ich fühl' mich viel besser.
Der Lindenblütentee erfüllte seinen Zweck.
Tantchen, weißt Du, was ich merke? Ich werde zur Schweizerin.
Ich stelle fest, dass ich Raclette und Fondue esse,
keine roten Bohnen mehr und Reis und Rindseintopf.
Früher war ich gereizt, wenn Kabeljau schwer zu kriegen war.
Jetzt esse ich Lachs und Schinken
mit einem oder zwei Melonenschnitzen.
Ich trinke Wein anstatt Rum,
esse Zopf statt Rosinenbrötchen.
Ich kaufe Lamm im Laden per Gramm,
stell Dir vor. Und ich achte aufs Gewicht.
Will nicht zu mollig werden.
Ich muss mich hüten, vor zuviel Schokolade und Basler Läckerli,
weil zuviel nicht gut ist für mich.
Tantchen, ich kaufe Pfirsiche,
nicht Papayas, Aepfel, keine Guaven,
aber jedermann liebt reife Bananen.
Tantchen, ich gehe durch die Strassen,
ohne den Leuten, die mir begegnen, zuzulächeln.
Und wenn sich mir Fremde nähern,
die auf einen Schwatz aus sind, halte ich sie für gestört,
ganz besonders, wenn sie über die Familie reden wollen.
Zu persönlich, weißt Du.
Ich ärgere mich, wenn Leute zu spät kommen.
Früher war's mir egal.
Ich rufe Freunden nichts zu auf der Strasse,
weil's indiskret ist.
Ich stoppe die Kinder, wenn sie Calypso zu laut abspielen,
weil die Nachbarin unter mir
mit dem Besenstiel an die Diele poltert
und scharfe Worte in mein Gesicht speit,
wenn sie an meine Türe klopft.
Tantchen, für meine Freizeitgestaltung
packe ich Kleider, statt sie auszuziehen.
Hals über Kopf fahre ich los in die Berge statt an die See.
Ich fahre Snowboard und Ski,
gehe nicht windsurfen oder schnorkeln,
ich klopfe Schnee von den Kleidern, nicht Sand.
Und mein Teint wird immer noch 'schwarz' oder braun, aber es hält nicht an.
Zwei Wochen später seh' ich aus wie eine Weisse.
Tantchen, ich versteh' sogar ein wenig Schweizerdeutsch,
nicht schlecht für eine Frau,
die von einer klitzekleinen, karibischen Insel kommt.
So, Tantchen, ich sag Dir's ganz ehrlich,
ich werde langsam aber sicher zur Schweizerin.
(c) Althea Romeo-Mark
Translation Irène Kaesermann
No comments:
Post a Comment